Die höfliche Maschine

Wie passen Slow Communication und generative KI eigentlich zusammen?

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Die höfliche Maschine

KI-Sprachmodelle wie ChatGPT, Google Gemini oder ähnliche Systeme helfen uns beim Formulieren, Sortieren und Antworten. Aber was passiert eigentlich, wenn Kommunikation zu mühelos wird?

Im Moment beschäftige ich mich viel mit künstlicher Intelligenz. Jetzt nicht nur mit den klassischen Sprachmodellen wie Gemini, ChatGPT etc., die in immer mehr Schreib- und Arbeitsprozessen integriert sind, sondern auch mit lokalen Modellen, Regulatorik und auch der Frage, wie souverän wir im Umgang mit diesen Systemen eigentlich sein können und wollen.

●      Wem gehören die Daten?

●      Wem gehört die Rechenleistung?

●      In welchen Ländern laufen die Modelle eigentlich?

●      Und wie abhängig machen wir uns von einigen wenigen Plattformen und großen US-Tech-Unternehmen wie OpenAI (der Firma hinter ChatGPT), Google, Microsoft oder Meta?

Das sind wichtige und dringende Fragen. Trotzdem kommt mir im Bereich Kommunikation immer wieder auch noch eine andere Frage auf. Eine durchaus etwas weniger technische, aber womöglich etwas "tiefere":

Was machen diese Systeme eigentlich mit unserer Art zu denken, zu schreiben und miteinander zu sprechen?

Denn diese KI-Sprachmodelle (wie z.B. ChatGPT etc.) sind ja nicht nur irgendwelche Werkzeuge. Sie sind ja quasi eine neue Kommunikationsform.

Sie antworten schnell. Sie sind höflich. Sie sind anschlussfähig. Sie klingen zugewandt, selten gekränkt, kaum genervt. Sie erklären geduldig, formulieren um, fassen zusammen, schlagen vor, glätten Übergänge, nehmen Schärfe aus Sätzen.

Wer viel mit ihnen arbeitet, spürt schnell, wie angenehm das ist. Man muss sich nicht erklären, bevor man verstanden wird. Man muss keinen richtigen Zeitpunkt abpassen. Man muss keine Stimmung lesen und man muss nicht fürchten, dass eine unklare Fragestellung auf Ungeduld oder genervte Antworten trifft. (Außer man stellt die KI vorher so ein 😄)

Und in einer Zeit, in der viele Gespräche unter Zeitdruck stehen, ist diese entspannte Kommunikation mehr als komfortabel.

Darin liegt aber auch ein Grund, warum mich diese Entwicklung nicht so ganz unbesorgt lässt.

Also zur Erläuterung: Ich finde es gar nicht schlimm, dass Maschinen plötzlich schreiben und antworten können. Auch nicht, dass sie dabei manchmal riesigen Unsinn produzieren. Und davon, dass sich in meiner Medienbubble gerade gefühlt alles gleich anhört bzw. liest möchte ich garnicht erst sprechen.

Was ich aber hinterfragenswert finde ist, dass sie uns an eine Form von Kommunikation gewöhnen könnten, die immer verfügbar, immer höflich und fast immer quasi reibungsarm ist. An ein Gegenüber also, das uns kaum was zumutet, was reale kommunikative Verständigung mit anderen Menschen oft mal mit sich bringt: Missverständnisse, Verzögerung, Widerstand, Nachfragen, Pausen.

Eine neuere philosophische Arbeit (siehe Quellenlinks unten) spricht in diesem Zusammenhang von einer „Illusion der Kommunikation“ mit den großen KI-Sprachmodellen.

Gemeint ist damit nicht, dass gar nix geschieht, wenn wir mit ihnen sprechen. Klar geschieht etwas. Wir erhalten Antworten, Impulse, Struktur und häufig auch echt brauchbare Formulierungen (wenn man ordentlich promptet). Aber die Form der Kommunikation kann leicht ein Gefühl von Verständnis zueinander erzeugen, das stabiler wirkt, als es nunmal eigentlich ist.

Das passt zu einer Erfahrung, die viele Nutzerinnen und Nutzer längst kennen: Man fühlt sich in den KI-Dialogen oft bemerkenswert gut aufgehoben. Weil das System so schnell reagiert, so bereitwillig mitgeht und so selten nervig oder anstrengend wird.

Es ist ein Gespräch fast ohne "soziale Kosten".

Das mag jetzt erst einmal nach krassem Fortschritt klingen und es gibt sicher viele Situationen, in denen es voll nützlich ist, schneller zu einer guten Formulierung zu kommen oder einen Gedanken besser sortieren zu können.

Nur: Wenn Kommunikation dauerhaft zu mühelos wird, verändert sich dann auch unsere Erwartung daran, was Kommunikation überhaupt sein sollte?

Erscheinen dann langsame Dialoge zwischen uns Menschen plötzlich ineffizient. Sind Gesprächspartner, die zögern, unklar sprechen oder ihre Gedanken erst unterwegs finden, im Vergleich zur Maschine dann vielleicht sogar weniger kompetent?

Bild KI-generiert

Gerade das interessiert mich im Zusammenhang mit Slow Communication.

Ein gutes Gespräch besteht ja nicht nur aus glatten Übergängen. Es besteht ja auch aus Rückfragen. Aus mal einem kurzen Stocken vor einer Antwort. Oder aus dem Moment, in dem jemand sagt: "Ich glaube, ich habe dich noch nicht ganz verstanden." Oder aus dem Umweg, den ein Gedanke nehmen muss, bevor er stimmt oder sich stimmig anfühlt. Aus gegenseitigem kommunikativem Abtasten und abwarten.

Vieles davon ist eben langsam. Und mühselig und vielleicht auch mal nervig. Aber gerade dadurch hat es halt auch individuelle Tiefe.

Die neue höfliche Maschine nimmt uns vieles ab. Darin liegt etwas total Hilfreiches, Produktives und vermutlich auch wunderbar Befreiendes.

Aber echte Verständigung war ja nie nur eine Frage gelungener Formulierung. Sie lebt ja auch von dem, was sich nicht sofort auflöst: Von Pausen, Widerstand, Suchen, Abwarten, Unfertigkeit etc.

Vielleicht müssen wir gerade deshalb aufpassen, dass die Maschine uns nicht jene Reibung und Pause abnimmt, die Menschen brauchen, um zu lernen, nachzudenken und miteinander in Verbindung zu treten.

Quellen & Inspiration

●      The bewitching AI: The Illusion of Communication with Large Language Models. Philosophy & Technology. https://link.springer.com/article/10.1007/s13347-025-00893-6  link.springer

●      Lee et al. The Impact of Generative AI on Critical Thinking: Self-Reported Reductions in Cognitive Effort and Confidence Effects From a Survey of Knowledge Workers. CHI 2025. https://dl.acm.org/doi/10.1145/3706598.3713778  dl.acm

●      Überblick zu einer 2024er Studie zu generativer KI, kognitiver Last sowie geringerer Qualität von Analyse und Synthese: https://letstalkscience.ca/news-media/generative-ai-killing-critical-thinking  letstalkscience

●      Scaffolding critical thinking with generative AI: Design principles for integrating large language models in higher education. https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2666920X26000342  sciencedirect