Die große Angst vor der Pause
Vor ein paar Tagen stand ich morgens mal wieder an einem Bahnsteig, wartend auf den ICE nach Essen. Und während ich so dastand, fiel mir etwas auf, das ich inzwischen eigentlich überall beobachte, nämlich dieses fast schon reflexhafte Greifen zum Smartphone, sobald irgendwo auch nur die kleinste Lücke entsteht: Also das kurze Warten auf den Aufzug, die Schlange im Supermarkt, diese paar Sekunden an der roten Ampel oder das Fahren im Stau (Leute, das ist echt Shit!) oder einfach nur der Moment zwischen zwei Gedanken, der früher vielleicht nur ein stiller Moment gewesen wäre und heute offenbar sofort gefüllt werden muss.
Man sieht Menschen inzwischen kaum noch warten.
Also zumindest nicht wirklich. Es wird alles "überbrückt":
- Schnell mal "was gecheckt", und wenn es zum 5. Mal am Tag das Wetter ist
- Kurz eine Nachricht beantwortet
- Instagram geöffnet ohne Ziel (Das geht bei uns allen sicher auch komplett blind, der Daumen weiß genau, wo er hin muss. 😏)
- Es wird durch irgendwas gescrollt oder gelesen, was 5 Minuten später eh schon wieder vergessen sein wird

Und wahrscheinlich liegt genau darin eine der leisesten, aber gleichzeitig folgenreichsten Veränderungen unserer Zeit. Denn wir haben nicht einfach nur kürzere Aufmerksamkeitsspannen entwickelt oder ein etwas problematisches Verhältnis zu unseren Geräten aufgebaut, sondern wir verlieren die Fähigkeit, Pausen und Ruhe überhaupt noch auszuhalten.
Also so wirkliche Pausen.
Nicht Unterhaltung. Nicht Hintergrundrauschen. Nicht Dauerbeschallung. Nicht Podcast laufen lassen beim Essen. Nicht Musik hören beim Spaziergang mit dem Hund.
Einfach nur dieser unspektakuläre Zustand, in dem gerade nichts passiert. Wenn ich nach meinen Vorträgen zum Thema "Warum wir alle mehr Langeweile im (Arbeits-)Leben brauchen" mit Menschen darüber spreche, erzählt mir so mancher, dass sich dieser Zustand der "Ruhe" mittlerweile für sie schon fast bedrohlich anfühlt.
Und je länger ich darüber recherchiert habe, desto mehr wird klar, dass diese permanente Flucht vor der Pause nicht einfach nur eine schlechte Angewohnheit oder ein individuelles Disziplinproblem ist. Sie ist die logische Folge einer digitalen Umwelt, die über viele Jahre hinweg darauf optimiert wurde, unsere Aufmerksamkeit möglichst vollständig einzunehmen.
Die amerikanische Psychologin und Informatikerin Gloria Mark untersucht seit den frühen 2000er-Jahren, wie Menschen an Bildschirmen arbeiten, also wie lange Wissensarbeiter konzentriert bei einer Aufgabe bleiben, bevor sie das Fenster wechseln, eine Mail öffnen, eine Nachricht lesen oder zum Smartphone greifen. Ihre Forschung zeigt etwas, das gleichzeitig erschreckend und irgendwie vollkommen plausibel wirkt:
Die durchschnittliche Zeitspanne, die wir heute fokussiert bei einer Aufgabe bleiben, liegt inzwischen bei ungefähr 47 Sekunden.
47 Sekunden.
Wenn man diese Zahl zum ersten Mal hört, klingt sie fast absurd. Und gleichzeitig spürt wahrscheinlich jeder intuitiv, dass etwas daran wahr ist, weil man dieses nervöse Springen zwischen Tabs, Apps, Gedanken und Reizen ja längst aus dem eigenen Alltag kennt.
Vielleicht ist aber ein anderer Teil ihrer Forschung sogar noch interessanter. Gloria Mark fand heraus, dass wir in fast der Hälfte aller Fälle gar nicht von außen unterbrochen werden.
Wir unterbrechen uns selbst.
Das Smartphone vibriert oft nicht einmal. Niemand schreibt uns. Niemand verlangt gerade etwas von uns und trotzdem greifen wir fast automatisch zum Handy.
Als hätten wir verlernt, einfach nur bei einer Sache zu bleiben. Oder vielleicht sogar bei uns selbst.
Natürlich erzählen wir uns dabei gerne die Geschichte, dass all das eben Teil des modernen Lebens sei, dass unsere Arbeit komplexer geworden ist, dass wir erreichbar sein müssen, dass alles schneller geworden ist und man sich dem eben anpassen müsse, aber ich bin überzeugt davon, dass diese Erklärung zu bequem geworden ist, weil sie so tut, als wäre diese digitale Welt einfach zufällig entstanden, obwohl viele der Mechanismen, die heute unseren Alltag bestimmen, sehr bewusst entwickelt wurden.
Der ehemalige Facebook-Präsident Sean Parker sagte vor einigen Jahren ziemlich offen, dass das Ziel sozialer Plattformen darin besteht, „so viel wie möglich von deiner Zeit und bewussten Aufmerksamkeit zu konsumieren“.
Und wenn man ehrlich ist, sieht man diese Logik inzwischen überall:
- Die Likes
- Die Herzchen
- Die Push-Nachrichten
- Das endlose Scrollen
- Die algorithmisch perfekt getimte nächste Empfehlung
Das alles wirkt auf den ersten Blick spielerisch und harmlos, ist aber in Wahrheit Teil eines gigantischen ökonomischen Systems, dessen Geschäftsmodell darauf basiert, menschliche Aufmerksamkeit möglichst lange festzuhalten, weil Aufmerksamkeit heute die eigentliche Währung geworden ist.
Oder wie es in der Dokumentation The Social Dilemma heißt:
„If you’re not paying for the product, you are the product.“
Und wahrscheinlich ist selbst das inzwischen noch zu harmlos formuliert. Denn wir sind in dieser Ökonomie nicht nur das Produkt. Wir arbeiten gleichzeitig auch kostenlos für sie. Jeder Klick, jede Suchanfrage, jeder Like, jede minimale Pause auf einem Video liefert Daten darüber, wer wir sind, wie wir denken, was uns triggert, wovor wir Angst haben, was uns emotionalisiert und wie man unsere Aufmerksamkeit beim nächsten Mal noch etwas effizienter binden kann.
Es entsteht gewissermaßen ein digitales psychologisches Abbild von uns selbst, ein Modell unseres Verhaltens, das mit jeder Interaktion präziser wird. Und irgendwann geht es dann längst nicht mehr nur darum, einfach nur Werbung anzuzeigen. Es geht darum, unser Verhalten vorherzusagen. Oder sogar zu beeinflussen.
Und das ist dann wohl genau der Punkt, an dem man aufhören sollte, Technologie als neutral zu betrachten. Denn neutrale Werkzeuge versuchen normalerweise nicht permanent, unser Verhalten zu steuern.
Besonders deutlich werden die Folgen davon bei jungen Menschen. Die Psychologin Jean M. Twenge beschreibt seit Jahren, dass Angststörungen, Depressionen und Einsamkeit unter Jugendlichen seit der massiven Verbreitung von Smartphones und Social Media ungefähr ab 2012 deutlich angestiegen sind, begleitet von schlechterem Schlaf, weniger echter sozialer Interaktion und diesem permanenten Gefühl, sich ständig vergleichen zu müssen.
Und vielleicht müsste man an dieser Stelle eigentlich noch viel grundsätzlicher fragen, was mit einer Gesellschaft passiert, die ihre Fähigkeit zur Konzentration verliert. Denn Konzentration ist ja nicht einfach nur eine Produktivitätstechnik für Wissensarbeiter oder ein Skill für Menschen, die effizienter arbeiten wollen.
Konzentration ist die Grundlage fast jeder tieferen menschlichen Erfahrung.
Ohne Konzentration können wir nicht wirklich lesen.
Nicht wirklich zuhören.
Nicht wirklich lernen.
Nicht wirklich lieben.
Nicht wirklich nachdenken.
Und wahrscheinlich können wir ohne sie irgendwann nicht einmal mehr richtig spüren, was in uns selbst eigentlich vorgeht, weil jede innere Regung sofort wieder von Reizen überdeckt wird. Vielleicht greifen wir deshalb inzwischen so reflexhaft zum Smartphone, sobald es mal still um uns herum wird.
Weil die Pause selbst so unangenehm geworden ist. Weil wir in der Pause plötzlich mit uns alleine sind. Und womöglich nicht immer angenehme Gedanken auftauchen.
Oder Müdigkeit.
Oder Überforderung.
Oder Einsamkeit.
Und vielleicht ist genau das der Grund, weshalb diese Geräte so schwer wegzulegen sind: Sie lenken uns nicht nur von der wunderbaren Langeweile ab.
Sondern oft auch von uns selbst...
Quellen & weitere Recherche:
Mark, G., Gonzalez, V. M., & Harris, J. (2005):
„No Task Left Behind? Examining the Nature of Fragmented Work“
Mark, G., Gudith, D., & Klocke, U. (2008):
„The Cost of Interrupted Work: More Speed and Stress“
Twenge, J. M., Joiner, T. E., Rogers, M. L., & Martin, G. N. (2018):
„Increases in Depressive Symptoms, Suicide-Related Outcomes, and Suicide Rates Among U.S. Adolescents After 2010 and Links to Increased New Media Screen Time“