Das Gespräch, das keines ist
Wir hören oft nicht, um zu verstehen, sondern um anschließen zu können. Über Conversational Narcissism und die Rückkehr echter Gespräche.
A fragt: „Macht ihr dieses Jahr Urlaub?“
B antwortet: „Ja, wir fahren nach Italien, Toskana, Richtung Lucca runter.“
A legt los:
„Ach wie cool, nach Lucca fahrt ihr? Da waren wir letztes Jahr auch. Wir hatten dieses Airbnb direkt an der Küste. Und auf der Hinreise – ich sag’s dir – Stau schon vorm Brenner. Aber zurück zum Airbnb, das war top ausgestattet, eigener Pool und richtig nahe sogar zum Strand. Also wenn du ne Empfehlung für ein Top-Restaurant willst, sag einfach Bescheid. Und ich hab auch sogar nen Geheimtipp für ne Bar! Da haben wir einen Abend verbracht, ich sag dir. Das ging so los…“
Man kennt diese Gesprächssituation leider vermutlich besser, als einem lieb ist.
Eigentlich schön, dass jemand nachfragt, wohin es in den Urlaub geht. Und dann möchtest du auch gerne kurz davon erzählen, also meistens nicht mal groß monologisch, sondern einfach voller Vorfreude. Einfach ein bisschen teilen, was dich gerade so bewegt bei dem Thema Urlaub. Vielleicht sogar, um dir beim Erzählen selbst noch klarer zu werden, worauf du dich am meisten freust.
Doch direkt nach deiner ersten kurzen Antwort verschiebt sich etwas.
Kaum hast du angesetzt, übernimmt dein Gegenüber. Und plötzlich ist nicht mehr von deinem Urlaub die Rede, sondern von seiner/ihrer letzten Reise, seinem Lieblingsstrand, seinem tollen Airbnb, und und und …
Die Tendenz, Gespräche immer wieder auf sich selbst zu lenken
Das ist ein klassisches Beispiel für das, was Kommunikationsforscher*innen als Conversational Narcissism bezeichnen. Ein Begriff, der vom Soziologen Charles Derber geprägt wurde.
Er beschreibt damit die Tendenz, Gespräche immer wieder auf die eigene Person zu lenken, sei es durch sogenannte Shift Responses („Ach, das kenne ich auch …“) oder durch andere unterbewusste Dominanzstrategien.
Diese Situation ist übrigens übertragbar auf super viele alltägliche Gesprächsthemen:
- Persönliche Erfolge: Themen wie Beförderungen oder Erfolge triggern oft Neid oder Überbietung, sodass der „Conversational Narcissist“ mit eigenen „größeren“ Leistungen kontern kann.
- Beziehungen und Familie: Gespräche über Partner, Kinder oder Herkunft werden schnell zu eigenen Familienstorys oder gut gemeinten Tipps umgelenkt.
- Probleme und Herausforderungen: Wenn du über Schwierigkeiten sprichst, wie einen harten Tag, kommt gerne ein „Das ist nichts gegen mein blablub …“ und die Aufmerksamkeit wird direkt wieder umgelenkt.
- Neutrales wie Wetter: Sogar banale Themen werden umgedreht, wenn sie nicht um die Person kreisen, z. B. zu eigenen Erlebnissen beim letzten Schlechtwetterausflug.
Und natürlich auch im Arbeitskontext:
Kollegin A: „Ich hatte heute ein Gespräch mit einem Kunden, das mich echt irritiert hat.“
Kollegin B antwortet: „Oh, solche Gespräche kenne ich! Ich hatte mal einen Kunden, der hat …“
Und zack: Statt Empathie oder einer Rückfrage zur Situation, wird das Thema verschoben.
Der Effekt? Die erzählende Person fühlt sich nicht gesehen. Oder nicht ernst genommen. Und der Dialog bleibt auf der Strecke. Und das, obwohl beide Parteien vermutlich eigentlich eine Verbindung zueinander gesucht haben.

Warum wir das tun – und warum es so nachvollziehbar ist
Spannend ist laut Derber auch, dass es bei diesem Phänomen nicht ausschließlich um die offensichtlichen Gesprächsnarzissten, die sowieso am liebsten von sich selbst erzählen, geht.
Häufig entsteht dieser Gesprächsverlauf auch aus dem sehr menschlichen Bedürfnis nach Anschluss, nach Resonanz und nach sozialer Verortung.
Wenn wir sagen „Das kenne ich auch“, dann ist das per se in vielen Fällen keine Abwertung des anderen, sondern ein Versuch, Nähe herzustellen, eine Brücke zu bauen, das Gespräch auf eine gemeinsame Erfahrungsbasis zu stellen.
Gleichzeitig spielt hier laut Derber auch eine kognitive Dynamik hinein, die sich nur schwer aushebeln lässt: Eigene Erfahrungen sind für unser Gehirn schlicht leichter verfügbar als die gedankliche Vertiefung in die Perspektive eines anderen, weshalb es uns deutlich weniger Anstrengung kostet, eine eigene Geschichte zu erzählen, als eine fremde Geschichte wirklich auszuhalten und weiterzudenken.
Hinzu kommt, dass wir heute leider in einer Kommunikationskultur leben, die stark auf Tempo, Reaktion und Anschlussfähigkeit ausgelegt ist, wodurch Gesprächspausen schnell als Unsicherheit interpretiert werden und weniger als das, was sie eigentlich sein könnten: ein Moment des Verstehens, Nachdenkens und bewussten Vorbereitens auf die Reaktion.
Wenn Gespräche ihre Tiefe verlieren, ohne dass es jemand merkt
Der Soziologe Hartmut Rosa beschreibt gelingende Kommunikation als einen Zustand von Resonanz, also als ein wechselseitiges In-Beziehung-Treten, bei dem etwas zurückschwingt und beide Seiten sich tatsächlich erreichen.
Genau diese Resonanz wird jedoch untergraben, wenn Gespräche strukturell immer wieder in Richtung eigener Erfahrungswelten verschoben werden, weil dadurch zwar Interaktion entsteht, aber keine wirkliche Verbindung.
Was dann bleibt, sind Gespräche, die sich formal wie tiefe Dialoge anfühlen, in ihrer inneren Struktur jedoch eher aus parallelen Monologen bestehen, in denen jeder an das anschließt, was er selbst erlebt hat, nicht an das, was der andere gerade sagt.
Die Konsequenzen davon zeigen sich selten direkt und sichtbar, sondern eher in leisen Verschiebungen: Menschen fühlen sich weniger gesehen, Themen werden schneller verlassen, und Gespräche bleiben auf einer Oberfläche, die wenig Raum für echte Klärung oder Tiefe lässt.
Man kann also stundenlang zu zweit nur über sich selbst reden, ohne dass es beide Parteien merken. Und am Ende geht man auseinander und freut sich über das „großartige Gespräch“ 😊.
Was es stattdessen braucht – und warum es so ungewohnt ist
Die Alternative dazu ist weniger spektakulär, als man vielleicht vermuten würde. Und genau darin liegt irgendwie auch ihre Herausforderung.
Es geht eben nicht darum, mehr zu sagen oder klügere Fragen zu stellen, sondern zunächst einmal darum, länger bei dem zu bleiben, was bereits im Raum ist, ohne es sofort mit eigenen Gedanken zu überformen, also einfach mal die eigene Reaktion einen Moment zurückzustellen, nicht jede Anschlussfähigkeit sofort auszuspielen und die Aufmerksamkeit bewusst dort zu halten, wo sie im Gespräch eigentlich hingehört: beim Gegenüber.
Aus einem „Das kenne ich auch“ wird dann vielleicht ein „Was genau hat dich daran irritiert?“, oder einfach ein „Erzähl mal weiter“, das ohne eigene Ergänzung auskommt.
Was banal klingt, verändert die Dynamik eines Gesprächs grundlegend, weil es dem anderen ermöglicht, den eigenen Gedanken tatsächlich zu entfalten, anstatt ihn ständig gegen neue Impulse verteidigen zu müssen.
Vielleicht liegt die eigentliche Herausforderung deshalb nicht darin, besser zu kommunizieren, sondern darin, die eigene Aufmerksamkeit anders zu organisieren.
Also sich selbst im Gespräch nicht sofort nach vorne zu holen, sondern einen Moment länger im Hintergrund zu bleiben, nicht jede Pause zu füllen und nicht jede Gelegenheit zu nutzen, um sich selbst einzubringen.
Das fühlt sich zunächst ungewohnt an, fast ein wenig passiv, insbesondere in einer Welt, in der Sichtbarkeit und Häufigkeit von Beiträgen oft als Maßstab für Präsenz gelten.
Vielleicht beginnt gute Kommunikation genau hier
Wenn man es zuspitzen möchte, dann könnte der für mich individuell wahrgenommene Anstieg des Conversational Narcissism weniger ein individuelles Fehlverhalten sein als vielmehr die naheliegende Reaktion auf eine immer heftiger werdende Kommunikationskultur, die Geschwindigkeit über Tiefe stellt und Anschlussfähigkeit über echtes Verstehen.
Es lohnt sich daher bestimmt, genau an dieser Stelle den Versuch zu starten, das aktive Zuhören wieder auf den Plan zu rufen.
Auf der nonverbalen Ebene, also mit zugewandter Körperhaltung, Augenkontakt, Ausredenlassen und natürlich dem Vermeiden von Ablenkungen (wie dem Blick aufs Handy, der maximales Desinteresse symbolisieren kann), und auch auf der verbalen Ebene: durch gezieltes Nachfragen („Wie meinst du das genau?“), Zusammenfassen von Gesprächsabschnitten und gerne auch das Spiegeln von Emotionen.
Dann kann es passieren, dass wir von vornherein Missverständnisse vermeiden, Konflikte lösen und Vertrauen aufbauen, also eben das tun, wofür zwischenmenschliche Kommunikation auch gemacht ist.
Viel Spaß beim Ausprobieren 🙂!
Notes:
- Bilder generiert mit ChatGPT
- Quellen & Inspiration: Charles Derber, Harmut Rosa, Carl Rogers, Cal Newport